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28. Mai 2010, Neue Zürcher ZeitungEin Plädoyer gegen den KriegBenjamin Brittens «War Requiem» in der Tonhalle ZürichAlfred Zimmerlin ⋅ Benjamin Brittens «War Requiem» gehört zu den wohl prominentesten und eindrücklichsten Werken der Chorliteratur der Nachkriegszeit. Aufführungen sind wegen des enormen Aufwandes indessen rar. Uraufgeführt wurde das Werk 1962 zur Einweihung der wiederaufgebauten St.-Michaels-Kathedrale von Coventry, die als Nebeneinander einer mittelalterlichen Ruine und einer modernen Kathedrale ein Mahnmal gegen die Zerstörungswut des Zweiten Weltkrieges ist. Eine ähnliche Mischform ist auch Brittens «War Requiem»: ein bewegendes, organisches Nebeneinander der lateinischen Totenmesse, gesetzt für Sopransolo, Chor, Kinderchor, Orgel und grosses Orchester, und eines kantatenartigen Liederzyklus für Tenor, Bariton und solistisches Kammerorchester auf Gedichte von Wilfrid Owen, welche das traumatische Erleben des technisierten modernen Krieges reflektieren. Nicht zuletzt also auch eine pointierte Stellungnahme des Pazifisten Britten gegen den Krieg. Und – im «Libera me» – für eine respektvolle Koexistenz. Unter der musikalischen Gesamtleitung von Anna Jelmorini haben der Akademische Chor Zürich, der Singkreis der Engadiner Kantorei Zürich, die Luzerner Sängerknaben (Einstudierung: Andreas Wiedmer), das Akademische Orchester Zürich (Einstudierung: Johannes Schlaefli) und das Akademische Kammerorchester Zürich das Werk in die Tonhalle gebracht: ein Erlebnis. Wie Anna Jelmorini diese so verschiedenen Kräfte zusammenwirken liess und die durchwegs ausgezeichneten Laien-Musikerinnen und -Musiker zu einer Aufführung von grosser Intensität führte, war beeindruckend. Einige der «grossen» Stellen mochten mitunter etwas pauschal geraten, aber das Werk erträgt dies ohne Probleme, da die Owen-Vertonungen im Kontrast dazu einen differenzierten Ausdruck schaffen. Hervorragend die Sopranistin Ursula Füri-Bernhard, welche das «Lacrimosa» zu grossartiger Wirkung brachte und im «Libera me» auch im Tutti alles überstrahlte. Der Tenor Rolf Romei hat die helle, lyrische Farbe, welche gut zu Brittens liedhafter Melodik passt, und der klar zeichnende Bariton von Wolf Matthias Friedrich verband sich mit ihm aufs Schönste: So erhielten die kammermusikalischen Stellen mit den Owen-Texten eine Eindringlichkeit sondergleichen. Und immer wieder diese wunderbaren Chöre. Ein Abend, der unter die Haut ging. Zürich, Tonhalle, 25. Mai.DRS2AKTUELL 25.5.2010: Selten aufgeführtes WAR Requiem im KKL...Die wirklich grosse Bühne des KKLs war gestern bis auf den letzten Quadratzentimeter ausgefüllt...es sind also über 300 Leute auf der Bühne... Anna Jelmorini hat es geschafft, die Fäden dieser riesigen Produktion in den Händen zu halten und wie eine riesige Marionette zu lenken, mit grosser Spannung, die die ganzen 90 Minuten lang anhält... Neue Zürcher Zeitung November 2009
Archaik und Energie Die «Cantigas» von Maurice Ohana in Zürich
Maurice Ohana (1913–1992) – ein hierzulande zu Unrecht kaum bekannter Komponist marokkanisch-andalusisch-französischer Herkunft – gehört zu den grossen eigenständigen Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Singkreis der EngadinerKantorei Zürich und seine Dirigentin Anna Jelmorini haben in der Kirche St. Peter Ohanas sechs «Cantigas» von 1953/54 auf alte spanische Texte aufgeführt, sechs Lobgesänge, die thematisch die Geburt Christi bis zu den Drei Königen und dem ägyptischen Exil umkreisen. Es sind Gesänge für gemischten Chor (mit Chorsoli), Bläserensemble und Schlagzeug, die einen vom ersten Moment an mit ihrem so besonderen Tonfall fesseln. Und es ist eine unglaubliche Leistung des Chors zu bewundern, der diese heiklen Stücke so engagiert einstudiert und dargeboten hat. Ohanas «Cantigas» haben Sanftheit und Schärfe, Schlichtheit und Komplexität zugleich. Rituelle Musik der Berber, Elemente andalusischer Herkunft, archaische Klangmomente verschmelzen mit einer energetischen musikalischen Fantasie, die ihre Sympathie zur Musik eines Edgard Varèse nicht verleugnet. Manches hätte (auch vom Bläserensemble und von den Schlagzeugern des Collegium Musicum Turicense) mit grösserer Klarheit und Spritzigkeit artikuliert und mit schärferen Kontrasten gezeigt werden können, doch stiess der Chor mitunter an seine Grenzen. Was seine Leistung keineswegs schmälert: Grosse, bewegende Musik war zu erleben. Welche Klangkultur der Singkreis der Engadiner Kantorei zurzeit pflegt, war in Anton Bruckners zweiter e-Moll-Messe für achtstimmigen Chor und Bläser (Fassung 1882) zu hören, die mit innigem Ausdruck erklang. Ob es allerdings eine gute Idee war, Ohanas «Cantigas» sozusagen als Sandwich-Einlage zwischen zwei Bruckner-Hälften zu klemmen? Beide Werke zeigen geschlossene, bündige Klangwelten, die sich gegenseitig mehr geben, wenn sie in ihrer Eigenständigkeit und Kraft monolithisch nebeneinanderstehen können. So aber wurde es beispielsweise notwendig, die letzten vierzig Prozent von Bruckners Credo zu streichen, um den Übergang zu Ohana musikalisch-dramaturgisch sinnvoll zu gestalten. Eine Kürzung, die unter anderem immerhin das theologisch nicht ganz irrelevante Bekenntnis zum Glauben an die Auferstehung Christi betraf. Zürich, Kirche St. Peter, 26. November, Alfred Zimmerlin Zürichseezeitung November 2008Frank Martin: Messe pour double choeur, J.S. Bach: Magnificat Sybille Ehrismann Der Singkreis der Engadiner Kantorei Zürich hat am Donnerstag mit einem substanzreichen Chorkonzetr im St. Peter das Publikum begeistert. ... Die junge Chorleiterin Jelmorini dirigierte die beiden vierstimmigen Chöre mit natürlichem Atem, liess die Phrasen schön aussingen und fand so immer wieder zu einem reichhaltigen, achtstimmig dichten Chorklang von schwebender Transparenz. Kommt dazu, dass man sowohl im gut tragenden Legato-Chorgesang als auch in den agil-virtuos gesungenen dramatischen Ausbrüchen den lateinischen Text problemlos verstand. ... Neue Zürcher Zeitung März 2005Arthur Honegger: La Danse des Morts, Francis Poulenc: Stabat Mater Alfred Zimmerlin Zwei musikalische Seltenheiten sind am Karfreitag im Grossmünster Zürich erklungen; Werke aus ähnlicher Tradition — dreizehn Jahre liegen zwischen ihnen —‚ und doch sind sie so grundverschieden: Unter der Gesamtleitung von Anna Jelmorini haben der Singkreis der Engadiner Kantorei Zürich und der Schmaz Schwuler Männerchor Zürich (Leitung: Karl Scheuber) Arthur Honeggers Oratorium «La Danse des Morts» (1938) und Francis Poulencs «Stabat mater» (1951) zur Aufführung gebracht. ... Der Kühnheit des Werkes wurde die Interpretation durch die beiden hervorragenden Chöre, die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz und die überzeugenden, Farbe und Ton dieser Musik genau treffenden Soli von Maria Gessier (Sopran), Christel Nanchen (Alt) und Michael Raschle (Bariton) gerecht. Und der Schauspieler Eörs Kisfaludy geriet in seinem Sprechpart geradezu in die Rolle des Demiurgen, der mit Worten und Gebärden die Auferstehung der Gebeine beim Jüngsten Gericht bewirkt. Danach schlug Poulencs «Stabat mater» versöhnlichere — und weit subjektivere — Töne von Trauer und Hoffnung an, um einem den Auferstehungsgedanken zu vermitteln. Wunderbar, welch intensive Stimmung die Sopranistin Maria Gessler darin zu schaffen verstand, wie schön Anna Jelmorini mit den Chören und dem Orchester den abgeklärt heiteren Ausdruck des späten Poulenc realisierte. Neue Zürcher Zeitung April 2004 |
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